Reduktionsmethoden kombinieren die Gefahrenstufe aus dem Lawinenbulletin und einen Gelände-Parameter (gewöhnlich die Hangneigung) zu einer Risiko-Kategorie (grün, orange, rot). Die ersten Reduktionsmethoden wurden in den 80er Jahren von Werner Munter eingeführt. Mittlerweile gibt es eine kaum mehr überschaubare Vielzahl von Reduktionsmethoden.
Im folgenden eine Abbildung der Quantitativen Reduktionsmethode (QRM). Die x-Achse zeigt die Gefahrenstufe (1: gering, 2: mässig, 3: erheblich, 4: gross). Die y-Achse zeigt an, wie sehr ein Punkt im Gelände für Lawinen geeignet ist (0: Kein Lawinengelände, 1: Ausgesprochen typisches Lawinengelände). Auf der z-Achse kann das entsprechende relative Risiko einer Lawinenauslösung abgelesen werden. Indem du auf die Abbildung klickst, gelangst du zur interaktiven QRM in 3D.
Seit der Einführung der ersten Reduktionsmethoden wird über dessen Präventionswert gestritten:
Am Ergebnis der Untersuchung lässt bis zu einem gewissen Grad erraten, ob die Autoren eher einer strategischen Lawinenkunde oder einer analytischen bzw. intuitionsbasierten Lawinenkunde zuneigen. Wer hier recht oder unrecht hat, steht nicht zur Debatte. Mittlerweile ist klar geworden, dass die drei grossen Strömungen der Lawinenkunde zusammengeführt werden müssen. Ziel dieser News ist es auf ein Paradoxon der Reduktionsmethoden hinzuweisen:
Je erfolgreicher die Reduktionsmethoden, desto tiefer die Präventionswirkung, die sich aus der
Unfalldatenbank ableiten lässt.
Dies sei an einem einfachen Beispiel erläutert: Auch wenn sich alle Skitourengänger und Skitourengängerinnen konsequent an die Reduktionsmethode hielten (d.h. sie wären ausschliesslich im "grünen Bereich" unterwegs), gäbe es immer noch Lawinenunfälle. Reduktionsmethoden können das Risiko nicht vollständig ausschliessen! Bei diesen verbliebenen Unfällen hätte die Reduktionsmethode versagt. Ein "schlauer" Statistiker könnte deshalb schnell nachweisen, dass die Reduktionsmethode keinen Präventionswert hat. Was der Statistiker vergisst, sind die vermiedenen Unfälle. Man könnte von Geisterunfällen sprechen. Geisterunfälle sind solche Unfälle, die in der Statistik nicht auftauchen, da sie dank klugem Verhalten vermieden wurden.
Wir dürfen davon ausgehen, dass die meisten Wintersportler bewusst oder unbewusst eine Reduktionsmethode anwenden. Auch der konsequente Anhänger einer analytischen bzw. einer intuitionsbasierten Lawinenkunde wird bei der Gefahrenstufe "erheblich" oder "gross" sehr steiles Gelände meiden. Die Reduktionsmethode verlangt grundsätzlich nichts anderes! Eine Analyse von GPX-Tracks zeigt ein klares Bild: Das Publikum meidet die Kombination aus steilem Gelände und hoher Gefahrenstufe. Auch eine Untersuchung von Frank Techel & Kurt Winkler (Patterns of recreational backcoutry usage) zeigt, dass das Publikum bei hoher Gefahrenstufe weniger anspruchsvollen Skitouren den Vorzug gibt.
Es werden also bereits heute eine unbekannte Anzahl von Unfällen dank der Reduktionsmethode vermieden. Diese Geisterunfälle können jedoch in den oben zitierten Untersuchungen nicht berücksichtigt werden. Man könnte das auch so ausdrücken: Der Erfolg der Reduktionsmethode schafft einen Datenbasis, die den Anschein erweckt, Reduktionsmethoden haben einen tiefen Präventionswert. Die Promotoren der Reduktionsmethoden werden somit die Oper ihres eigenen Erfolges.
Fazit: Es ist an der Zeit den Erfolg der strategischen Lawinenkunde anzuerkennen und diese clever mit der analytischen sowie der intuitionsbasierten Lawinenkunde zu verbinden.